Aktuelles:
Konferenzbericht "Elbe-Fische auf dem besten Weg"
Am 07. April 2011 veranstaltete die Vattenfall Europe Generation AG in einem großzügigen Zeltbau auf dem Gelände der neuen
Fischaufstiegsanlage am nördlichen Ufer des Wehres in Geesthacht an der Elbe eine Konferenz.
An der eintägigen Vortragsveranstaltung mit Führungen über das an diesem Wehrstandort vorhandene alte Umgehungsgerinne sowie
den neuen Doppelschlitzpass nahmen etwa 200 Personen aus 10 Nationen teil. Neben den internationalen Gästen Christos Katopodis aus Kanada,
Alex Haro aus den USA und Jacques Boubeé aus Neuseeland präsentierten 9 weitere Referenten die planerischen Grundlagen und
Besonderheiten der baulichen Ausführung der neuen Fischaufstiegsanlage und die im Rahmen des fischökologischen Monitorings
bisher erarbeiteten Erkenntnissen zum Aufstiegsgeschehen vor Ort.

- Prof. em. Christos Katopodis
(Foto: Katopodis)
KatopodisEcohydraulics
@shaw.ca

- Alex Haro
(Foto: IfÖ) alex_haro@usgs.gov

- Dr. Jacques Boubee
(Foto: IfÖ)
j.boubee@niwa.co.nz
In seiner Eröffnungsansprache erläuterte Joachim Kahlert von der Vattenfall Europe Generation AG,
dass dem zur Gewährleistung der Schifffahrt auf der Mittelelbe im Jahr 1960 errichteten Wehr in Geesthacht eine besondere
gewässerökologische Bedeutung für das Elbesystem zukommt, da es das einzige Wanderhindernis in dem etwa 750 km langen Flussabschnitt
auf deutschem Territorium bis zur tschechischen Grenze ist. Daneben hob er die energiewirtschaftliche Bedeutung des derzeit
im Bau befindlichen neuen Kohlekraftwerkes Moorburg im Hamburger Hafen hervor. Als Schadensbegrenzungsmaßnahme für eventuell,
und trotz der vorgesehenen Fischschutz- und -abstiegseinrichtungen eintretende Fischschäden wurde etwa 30 Flusskilometer stromauf
des Kraftwerksstandortes die neue Fischaufstiegsanlage erbaut. Planung und Bau erfolgten gemäß dem Stand des Wissens und der
Technik und in enger Zusammenarbeit von Ingenieuren und Biologen. Das Ziel dieser Bemühungen war es eine Fischaufstiegsanlage
zu errichten, die konsequent den Bedürfnissen der gesamten Elbefischfauna gerecht wird. Nach einer etwa einjährigen Bauzeit
wurde schließlich der etwa 20 Millionen Euro teure Doppelschlitzpass mit seinen 4 zusätzlichen Aalleitern und einer völlig
neuartigen Kontrollstation am 1. August 2010 in Betrieb genommen.

- Ansicht des neuen Doppelschlitzpass von Oberwasser (Quelle: Vattenfall)
Frau Annik Garniel vom Kieler Institut für Landschaftsökologie betonte in ihrem Vortrag die Bedeutung der alten sowie vor allem
der neuen Fischaufstiegsanlage hinsichtlich der Vernetzung von FFH-Schutzgebieten entlang der Nordseeküste und im Elbeunterlauf
mit denjenigen in den Seitengewässern und im tschechischen Oberlauf der Elbe. Gemäß behördlicher Auflagen dient die Anlage dazu,
den Aufstieg der anadromen FFH-Arten Fluss- und Meerneunauge, Lachs und Schnäpel sowie künftig ggf. von Maifisch und Atlantischem
Stör zu gewährleisten. Diese Anforderung gilt als erfüllt, wenn von diesen Arten mindestens halb so viele Individuen über die neue
Fischaufstiegsanlage aufwandern, wie über das seit 1998 bestehende Umgehungsgerinne am gegenüber liegenden Ufer. Darüber hinaus ist
es die Aufgabe des neuen Doppelschlitzpasses dafür zu sorgen, dass trotz der Kühlwasserentnahme durch das Kohlekraftwerk Moorburg
und der dadurch möglicherweise eintretenden Fischschäden nicht weniger Exemplare der o. a. Arten ihre Laichgebiete erreichen,
als ohne den Betrieb dieses Kraftwerks.

- Durchgängigkeit in überregionalen Vorranggebieten der Elbe
(verändert nach: FGG Elbe, 2009)
Dr. Jörn Gessner von der Gesellschaft zur Rettung des Störs vermittelte einen Einblick von den Ursachen, die neben der Überfischung
des Atlantischen Störes Mitte des 20. Jahrhunderts zum Erlöschen der Population in der Elbe führten. Hierbei nannte er außer der
steigenden Gewässerbelastung vor allem die Schifffahrt und die damit verbundenen Ausbaumaßnahmen, die eine Vernichtung der Laichgebiete
zur Folge hatten. Aktuelle Untersuchungen u. a. mit telemetrisch besenderten Jungstören, die erfolgreich bis in den Unterlauf der
Elbe abgewandert sind, geben Grund zur Hoffnung, dass heute grundsätzlich gute Aussichten für die Wiederansiedlung dieser Art bestehen.
Herr Gessner betonte, dass eine wesentliche Voraussetzung für dieses ehrgeizige und vor allem langwierige Projekt die Passierbarkeit
des Wehres in Geesthacht sei: An dieser Stelle wird ein Wanderkorridor benötigt, der auch für die großwüchsigen und dennoch vergleichsweise
leistungsschwachen Atlantischen Störe auffindbar und überwindbar ist. Mit der neuen Fischaufstiegsanlage ist diese grundlegende
Voraussetzung nunmehr erfüllt, so dass umfangreiche Besatzmaßnahmen mit juvenilen Atlantischen Stören ab dem Jahr 2013 stattfinden können.
Als besondere Attraktion der Konferenz präsentierte die Störgesellschaft in einem großvolumigen Rundzylinder-Aquarium der Fa.
Karl von Keitz zwei etwa 30 cm lange Atlantische Störe.

- Atlantischer Stör (Foto: IfÖ)
Dr. Ulrich Schwevers vom Institut für angewandte Ökologie erläuterte die fischökologischen Anforderungen an eine Fischaufstiegsanlage
am Wehrstandort Geesthacht, der im Übergangsbereich von der Kaulbarsch-Flunder- zur Brachsenregion liegt und durch die Tide beeinflusst wird.
Entsprechend galt es, die Auffindbarkeit der Fischaufstiegsanlage nicht nur an mindestens 300 Tagen im Jahr, sondern gleichermaßen
bei Tideniedrig-, wie auch bei Tidehochwasser sicher zu stellen. Grundsätzlich sind die Bedingungen für die Auffindbarkeit einer
Fischaufstiegsanlage am Prallhang günstig. Da in Geesthacht allerdings auf dieser Uferseite im Jahr 1998 ein Umgehungsgerinne
erbaut worden ist, stand für die neue Fischaufstiegsanlage nur das gleithangseitige Ufer zur Verfügung. Dieser Nachteil musste
durch eine optimale Positionierung des Einstiegs in die neue Fischaufstiegsanlage unmittelbar am Wehrfuß sowie eine tideunabhängige,
stets gut wahrnehmbare Leitströmung soweit wie möglich kompensiert werden. Daneben waren große Anstrengungen erforderlich, um die
Passierbarkeit des neuen Fischpasses sowohl für die schwimmschwächsten, als auch die größten Arten und Exemplare sicher zu stellen.
Daraus ergab sich u. a. die Anforderung, dass jedes der Becken der Aufstiegsanlage 3-mal so lang wie ein aufsteigender Atlantischer
Stör, jeder Schlitz 3-mal so breit wie die Dicke eines solchen Exemplars und die Wassertiefe mindestens 3-mal so tief, wie seine
Körperhöhe sein muss. Ferner musste die maximale Wasserspiegeldifferenz zwischen den Becken soweit begrenzt werden, dass die
daraus resultierenden Fließgeschwindigkeiten im Bereich der Schlitze von den leistungsschwächsten Arten wie Stint, Kaulbarsch
und Ukelei durchschwommen werden können. Andererseits galt es konstruktiv sicher zu stellen, dass die Fließgeschwindigkeit im
Wanderkorridor zu keiner Zeit 0,3 m/s unterschreitet, damit sich aufwanderwillige Fische über die gesamte Länge der Fischaufstiegsanlage
anhand der Strömung orientieren können.

- Beispiel für die fischökologischen Anforderungen an eine Fischaufstiegsanlage in Geesthacht
(Quelle: IfÖ)
Der Inhaber des Ingenieurbüros Katopodis Ecohydraulics ltd., Prof. Christos Katopodis zeigte auf, dass die zuvor formulierten
Anforderungen technisch und konstruktiv am sichersten mit Einfach-, resp. Doppelschlitzpässen zu realisieren sind. Darüber hinaus
ist es ein wesentlicher Vorteil dieser Konstruktionsweisen, dass die hydraulischen Bedingungen im Strömungspfad durch schwankende
Unterwasserstände, wie sie am Standort Geesthacht aus dem Tideeinfluss resultieren, vergleichsweise wenig beeinträchtigt werden.
Herr Katopodis veranschaulichte die grundsätzlich gute Funktionstauglichkeit von Schlitzpässen am Beispiel der Schlucht Hell`s
Gate im Fraser River an der kanadischen Westküste, in der durch die Fundamente einer Eisenbahnbrücke sowie gigantische Wasserstandsschwankungen
selbst für die leistungsstärksten pazifischen Lachsarten unpassierbare Stromschnellen entstanden, so dass die Bestände kollabierten.
Erst nach dem Bau mehrerer Doppelschlitzpässe seit den 1960er Jahren können mehr als 40 Millionen Lachse jährlich dieses Wanderhindernis
wieder überwinden.

- Drei gigantische Schlitzfischpässe mit jeweils mehreren Einstiegsöffnungen sind am Hell´s Gate erforderlich, um die
Lachswanderung bei den unterschiedlichen Abflusssituationen zu gewährleisten (Quelle: www.gsc.nrcsn.gc.ca/14.04.2011)
Die Umsetzung der am Wehrstandort Geesthacht relevanten geometrischen und hydraulischen Vorgaben oblag der Knabe Enders Dürkop
Ingenieure GmbH, deren Planer, Christoph Neumann die Konstruktionsweise des neuen Doppelschlitzpasses vorstellte. Danach ist der
Fischpass mit seiner im oberen Drittel zweifach gewendelten Linienführung und einer Gesamtlänge von 550 m eines der weltweit imposantesten
Bauwerke dieses Konstruktionstyps. Zunächst wurde aus Spundwänden die Trasse des Gerinnes hergestellt. In der trockenen Baugrube
wurden so dann Führungsrohre in die Sohle gerammt, um die aus Stahlbeton vorgefertigten Teile der Trennwände passgenau übereinander zu
setzen. Die Standsicherheit der zu einer jeden Trennwand gehörenden Umlenkblöcke wird durch breiten Sockel gewährleistet. Die Sohle des
Gerinnes ist mit rauem Substrat bedeckt, dessen Eignung insbesondere für Jung- und Kleinfische zuvor in ethohydraulischen Tests
erprobt worden war. Der Doppelschlitzpass besteht aus 49 Becken von jeweils 9 m Länge, 16 m Breite und mindestens 1,75 m Tiefe.
Jeder Schlitz, der von der Gerinnesohle bis zur Wasseroberfläche reicht, hat eine lichte Weite von 1,2 m. Bei einer Sohlenneigung
von 1:93 beträgt der Gefällesprung zwischen den aufeinander folgenden Becken maximal 9 cm, woraus eine Fließgeschwindigkeit von
maximal 1,5 m/s resultiert. Besondere Sorgfalt wurde auf die Entwicklung der Fanganlage gelegt, mit der das Aufstiegsgeschehen im
Rahmen eines umfangreichen Monitorings kontrolliert wird: Diese Anlage befindet sich im Zentrum des obersten Beckens. Im Winkel von
30° auf die eigentliche Fangkammer zuführende Horizontalrechen von 8 mm lichter Weite leiten die aufsteigende Fische über einen
Einstiegstrichter in eine 12 m2 große und 1,2 m hohe, mit Lochblech umhauste Fangreuse. Die Beaufschlagung der Fangkammer erfolgt separat über Pumpen.

- Durch Schräganker stabilisierte Spundwände bilden die Trasse der neuen Fischaufstiegsanlage (Foto: IfÖ)

- Die Innenausstattung des Gerinnes mit Trennwänden und Umlenkblöcken erfolgte mit normierten Betonfertigteilen (Foto: IfÖ)